Software / WUFI / Grundlagen / Überblick über WUFI
Beim Thema Feuchtetransport durch Bauteile denkt der Praktiker in erster Linie an Dampfdiffusion,
Taupunkt und das Glaser-Verfahren in der DIN 4108. Wird ein Bauteil nach "Glaser" als
unbedenklich eingestuft, so ist in der Regel damit für den Planer alles erledigt.
Erst wenn dennoch unerwartet Feuchteschäden auftreten, oder das geplante Bauteil bei der Normberechnung
nach Glaser durchfällt, wird nach alternativen Beurteilungsmöglichkeiten gesucht. Da
die winterliche Tauwasserbildung durch Dampfdiffusion nur eine Feuchtebelastung unter vielen darstellt,
kann eine positive Bewertung nach DIN 4108 eine nicht vorhandene Feuchtesicherheit vortäuschen.
Probleme mit anderen Feuchteeinwirkungen, wie z.B. durch Raumluftkonvektion, Niederschlag, oder
aufsteigende Feuchte sind hierbei nicht berücksichtigt. Das gleiche gilt für die Baufeuchte,
die beim heutigen Termindruck auf den Baustellen eine zunehmende Brisanz erfährt. Um auch diese
Einflüsse erfassen zu können, muß von dem einfachen stationären Bewertungsverfahren
nach Glaser zur realitätsnahen Simulation der Feuchteverhältnisse in Bauteilen übergegangen
werden. Zu diesem Zweck sind in den letzten Jahren neue instationäre Rechenverfahren entwickelt
und experimentell validiert worden, deren Zuverlässigkeit inzwischen so groß ist, daß
sich ihr Einsatz auch in der Praxis immer mehr durchsetzt. Dieser Tatsache wird auch im Neuentwurf der
DIN 4108 Teil 3 durch entsprechende Hinweise Rechnung getragen.
Im folgenden werden die Auswirkungen von erhöhter Feuchte und von Feuchtewechselbeanspruchungen in Bauteilen aufgezeigt und die physikalischen Grundlagen des Feuchteverhaltens von Bauteilen beschrieben. Anhand des inzwischen weit verbreiteten instationären Simulationsmodells WUFI werden anschließend die Voraussetzungen in bezug auf die Material- und Klimadaten sowie die Genauigkeit der Berechnungen analysiert.
Die Gebrauchstauglichkeit und die Dauerhaftigkeit von Bauteilen und Baustoffen kann durch Feuchteeinwirkungen beeinträchtigt werden, z.B.:
In der Regel sind die Wärme- und Feuchtetransportprozesse in Gebäuden stark gekoppelt. Dies zeigt
sich besonders deutlich beim Feuchteeinfluß auf die Wärmedämmung von Bauteilen. Bild 1 zeigt
den Anstieg der Wärmeleitfähigkeit von drei verschiedenen Baustoffen in Abhängigkeit vom
Wassergehalt nach [1].Während die Wärmeleitung mineralischer Wandbildner, wie bei dem hier dargestellten Porenbeton, linear mit dem Wassergehalt ansteigt, ist der Anstieg bei Polystyrol-Hartschaum leicht progressiv. Überraschend ist der starke Anstieg der Wärmeleitfähigkeit von Mineralwolle schon bei sehr kleinem Wassergehalt. Dies ist auf die starke Feuchteverlagerung durch Dampfdiffusion nach Anlegen eines Temperaturgradienten in der Mineralwolle zurückzuführen. Hier handelt es sich um sog. instationäre Latentwärmeeffekte, bedingt durch die Phasenwechsel der Materialfeuchte während der Messung im Plattenapparat. Diese Latentwärmeeffekte sind in der Regel kurzfristiger Natur und haben nichts mit der realen Wärmeleitfähigkeit des Dämmstoffes zu tun. Da ihr Einfluß stark von den an die Wärmedämmung angrenzenden Bauteilschichten abhängt, können sie nicht dem Dämmstoff selbst zugeordnet werden [2]. Die Darstellung der Wärmeleitfähigkeit für die Mineralwolle in Bild 1 ist daher als Stoffeigenschaftsfunktion sowohl für instationäre Berechnungen als auch für die Ermittlung des stationären Wärmedurchgangskoeffizienten (U-Wert; früher k-Wert) wenig geeignet. Durch entsprechende Vorkehrungen bei der Messung im Plattenapparat läßt sich jedoch die echte Wärmeleitfähigkeit der Mineralwolle ermitteln. Ergebnisse aus solchen Untersuchungen belegen, daß die Wärmeleitfähigkeit der Mineralwolle ohne Latentwärmeeffekte eine ganz ähnliche Feuchteabhängigkeit zeigt, wie die von Polystyrol-Hartschaum in Bild 1. Ähnliches gilt auch für andere diffusionsoffene Dämmstoffe. |
Ein Beispiel für den stark instationären Charakter der gekoppelten Temperatur- und Feuchtewirkungen sind die mechanischen Belastungen durch thermische und hygrische Verformungen bzw. die daraus resultierenden Eigenspannungen in Außenputzen auf Wärmedämmverbundsystemen. Im Tagesverlauf sind diese Putzoberflächen Temperatur- und Feuchteschwankungen von bis zu 40 K und 80 % r.F. ausgesetzt [3]. Bild 2 zeigt den Vergleich zwischen thermischer und hygrischer Längenänderung von solchen Außenputzen. Die abgebildeten Werte stellen den Durchschnitt aus Labormessungen an über 20 Proben unterschiedlicher Hersteller dar. Übertragen auf die Verhältnisse am Bau würde dies bei freier Verformbarkeit der Außenputze eine thermisch bedingte Längenänderung von 0,4 mm/m und eine noch größere hygrische Dilatation von 0,7 mm/m bedeuten. Beide Prozesse sind jedoch häufig gegenläufig, da der Putz bei einer Erhöhung der Temperatur austrocknet, was die thermisch bedingte Ausdehnung mit einer gewissen Zeitverzögerung durch hygrisches Schwinden kompensiert. Da die Putzoberflächen jedoch in der Regel nicht frei beweglich sind, kommt es zu Spannungen und bei Überschreiten der Festigkeit zu Rissen oder Ablösungen vom Untergrund. Weitere Beispiele für Bauschäden aufgrund von hygrothermischen Wechselbeanspruchungen sind Salz- und Frostschäden. Salze kristallisieren unterhalb einer für die Salzart typischen relativen Feuchte aus der Lösung. Wird umgekehrt dieser Kristallisationspunkt wieder überschritten ziehen sie Wasserdampf aus der Umgebung an und gehen wieder in Lösung. Diese Vorgänge finden auch in den Porenräumen von salzhaltigen Baustoffen statt. Da die Kristallisation dort jedoch durch das enge Porengefüge behindert wird, können erhebliche Kristallisationsdrücke entstehen, die bei einem häufigen Feuchtewechsel zum Zermürben des Materials führen. Je nach Löslichkeit des Salzes spielt sich dieser Prozeß an der Oberfläche oder einige Millimeter bis Zentimeter darunter ab und führt entweder zu einem oberflächlichen Absanden der Bausubstanz oder zur Schalenbildung durch Entfestigung der tiefer liegenden Schichten [4]. Frost kann ganz ähnliche Schadensbilder erzeugen, wobei in diesem Fall die Eiskristalle die Rolle der Salzkristalle übernehmen. Ausschlaggebend sind hier die Temperaturwechsel um den Gefrierpunkt und der Wassergehalt in der Frostzone [5]. |
Die vorangegangenen Beispiele zeigen die Bedeutung von hygrothermischen Wechselbeanspruchungen für die Gebrauchstauglichkeit und die Dauerhaftigkeit von Baustoffen und Bauteilen. Eine genaue Erfassung der wärme- und feuchtetechnischen Prozesse in Baustoffen und Bauteilen ist deshalb nicht nur wünschenswert sondern dringend erforderlich. Beurteilungen mit den bisher eingeführten, ausschließlich auf der Dampfdiffusion basierenden Berechnungsmethoden, wie z.B. dem Glaser-Verfahren, sind hierfür nur in Ausnahmefällen geeignet. Die rechnerische Simulation des instationären Temperatur und Feuchteverhaltens unter Berücksichtigung aller wesentlichen Transportmechanismen bei natürlichen Klimabedingungen ist inzwischen jedoch so weit entwickelt und auch in der Praxis erprobt, daß ihre konsequente Anwendung in vielen Bereichen des Hochbaus sinnvoll erscheint. Unter diesem Gesichtspunkt sind die folgenden Ausführungen primär zu verstehen.
Für die Anwendung von Simulationsverfahren zur instationären Berechnung des Wärme- und Feuchteverhaltens von Bauteilen sind Grundkenntnisse in bezug auf die Speicher- und Transporteigenschaften von Baustoffen notwendig. Da die Wärmespeicherung und die Wärmeleitung hinlänglich bekannt sind und der Wärmetransport durch Dampfdiffusion mit Phasenwechsel (Latentwärmeeffekt) im Zusammenhang mit dem Feuchtetransport zu sehen ist, wird hier ausschließlich auf die Feuchtephänomene eingegangen. Für die genauere Analyse von Frost- Tau-Prozessen, bei denen die Schmelzwärme und die wärmetechnischen Eigenschaften des Eises eine Rolle spielen, wird auf die Erläuterungen in [2] verwiesen.
Man unterscheidet hygroskopische und nicht hygroskopische Baustoffe. Ist ein Baustoff hygroskopisch, dann nimmt er vom trockenen Zustand aus solange Wasserdampf aus der Luft auf, bis er seine Ausgleichsfeuchte bei den jeweiligen Umgebungsbedingungen erreicht hat. Da die Wasserdampfsorption in erster Linie von der umgebenden relativen Luftfeuchte abhängt, während die Umgebungstemperatur einen demgegenüber geringeren Einfluß hat, wird die hygroskopische Feuchtespeicherung in Form von stoffspezifischen Sorptionskurven dargestellt. Bild 3 zeigt die Verläufe solcher Sorptionskurven (auch Sorptionsisothermen genannt) für drei in ihrer Hygroskopizität sehr unterschiedliche Baustoffe. Die Sorptionsisothermen werden durch Lagerung der Baustoffproben bei verschiedenen Umgebungsbedingungen im Labor bestimmt. Die obere Grenze des Meßbereichs liegt bei etwa 95% r.F., da eine höhere Luftfeuchte wegen der Regelungscharakteristika der meisten Klimakammern zur Betauung der Proben führen würde. Darüber hinaus bis zur freien Wassersättigung im sog. überhygroskopischen Bereich muß deshalb auf die in [6] beschriebene Saugspannungsmessung zurückgegriffen werden. Bei dieser Meßmethode werden Baustoffproben zunächst durch Wasserlagerung frei (d.h. drucklos) gesättigt. Anschließend wird das Wasser in mehreren Druckstufen bis max. 100 bar entfernt, wobei sich bei jeder Druckstufe ein Gleichgewichtswassergehalt einstellt. Die Auswertung dieser Messung ergibt eine überhygroskopische Feuchtespeicherfunktion (dargestellt im blau hinterlegten Bereich in Bild 3), die nahtlos an die klassische Sorptionsisotherme anschließt. Bei grobporigen mineralischen Baustoffen, wie z.B. Ziegel ist der überhygroskopische Wassergehaltsbereich größer als der hygroskopische, so daß für genaue Analysen auf Saugspannungsmessungen nicht verzichtet werden kann. Bei feinporigen Materialien, wie z.B. Beton ist die Sorptionsfeuchte bei 93% r.F. bereits so hoch, daß der Verlauf im überhygroskopischen Bereich bis zur freien Wassersättigung ohne Genauigkeitsverlust extrapolierbar ist. Holz und Holzwerkstoffe sorbieren ebenfalls schon im hygroskopischen Bereich große Feuchtemengen, so daß auch dort eine Extrapolation bis zur freien Wassersättigung in der Regel ausreicht. Bei nicht hygroskopischen Baustoffen, wie z.B. Glas, Metall oder einigen Schaumkunststoffen, lagert sich ohne Taupunktsunterschreitung kein Wasser ein. Sie trocknen bei Umgebungsbedingungen unter 100% relativer Feuchte vollständig aus. |
Der Feuchtetransport erfolgt in porösen Baustoffen im Wesentlichen durch Dampfdiffusion, Oberflächendiffusion
und Kapillarleitung. In Baustoffen, die kein starres Porengefüge besitzen, wie z.B. Kunststoffe, findet
aufgrund der Einlagerung von Wassermolekülen zwischen die polymeren Makromoleküle die sog.
Lösungsdiffusion statt. Bisherige Erfahrungen zeigen, daß diese Art der Diffusion am ehesten durch den
Dampfdiffusionsansatz beschreibbar ist, wobei der Diffusionswiderstand im Gegensatz zur normalen Dampfdiffusion von
der Umgebungsfeuchte abhängt.
Andere Transportphänomene, wie z.B. Sickerströmung durch Gravitation
im nicht wassergesättigten Porenraum oder Wanderung von Wassermolekülen durch elektrische Felder oder
osmotische Drücke sind bislang nur unzureichend berechenbar. Da sie nur in Ausnahmefällen eine Rolle
spielen, werden sie hier nicht betrachtet. Ebenfalls nicht berücksichtigt werden Konvektionsvorgänge, wie
z.B. das Durchströmen von Bauteilen mit feuchter Raumluft aufgrund von Luftdruckunterschieden zwischen innen und
außen. Da die Luftdichtheit eine zentrale Anforderung an die Gebäudehülle darstellt, findet die
Luftkonvektion in der Praxis ausschließlich unplanmäßig durch Fehlstellen oder ungeeignete
Bauteilschichten statt. Sie ist deshalb kaum vorab quantifizierbar und ließe sich auch nur durch dreidimensionale
strömungsmechanische Simulationsprogramme in realistischer Weise erfassen.
Das Zusammenspiel der o.g. dominierenden Feuchtetransportphänomene wird in Bild 4 anhand einer Zylinderkapillare in einem Wandausschnitt erläutert. Auf beiden Seiten der betrachteten Kapillare sollen bauübliche Randbedingungen herrschen, d.h. der Dampfdruck sei innen größer als außen und die relative Luftfeuchte sei außen höher als innen. Ist der Baustoff ausreichend trocken oder nicht hygroskopisch, dann diffundiert der Wasserdampf entsprechend dem Dampfdruckgefälle von innen nach außen.
Enthält der Baustoff genügend hygroskopische Feuchte, daß der Sorbatfilm an den Porenwandungen beweglich wird (dies ist etwa ab 60% r.F. der Fall), dann findet neben der normalen Dampfdiffusion auch die sog. Oberflächendiffusion durch sorbiertes Wasser an den Porenwandungen statt. Da die Dicke bzw. Beweglichkeit der sorbierten Molekülschicht mit der relativen Feuchte zunimmt, erfolgt, wie in [6] nachgewiesen, ein Feuchtetransport im Sorbatfilm entgegen dem Dampfdruckgefälle von Bereichen höherer Konzentration in Bereiche mit geringerer Konzentration an sorbiertem Wasser. Die treibende Kraft für die Oberflächendiffusion ist daher die relative Feuchte und nicht der Dampfdruck. Bei der Oberflächendiffusion handelt es sich also um einen Flüssigtransport und nicht um eine Dampfdiffusion in der Gasphase. Dennoch ist es häufig zweckmäßig, die Oberflächendiffusion der Dampfdiffusion zuzuschlagen, z.B. durch Verwendung des im Feuchtbereich (wet-cup) nach DIN 52615 ermittelten µ-Wertes. Dieses Vorgehen führt zu ähnlichen Rechenergebnissen wie die strikte Trennung beider Transportphänomene, wenn in der betrachteten Bauteilschicht keine großen Temperaturgradienten auftreten.
Bei überhygroskopischer Feuchte im Material, beispielsweise infolge von Schlagregen, kommt es bei Füllung der Poren zur sog. Kapillarleitung, die die effizienteste Form des Feuchtetransports darstellt. Die treibende Kraft ist hier der kapillare Unterdruck, der sich aufgrund der Oberflächenspannung des Wassers im Meniskus an der Grenzfläche zwischen Porenluft und Wasser bildet. Der kapillare Unterdruck steht in einem funktionalen Zusammenhang mit der relativen Feuchte über dem Meniskus, d.h. der treibenden Kraft in der flüssigen Phase kann eine bestimmte relative Luftfeuchte in der Gasphase zugeordnet werden. Alternativ zum kapillaren Unterdruck kann deshalb auch die relative Feuchte als Transportpotential für die Kapillarleitung verwendet werden.
Das Beispiel zeigt deutlich die häufig entgegengesetzten Transportrichtungen von Dampfdiffusion und Flüssigtransport. Die Dampfdiffusion erfolgt meist von warm nach kalt, während der Flüssigtransport weitgehend temperaturunabhängig von feucht nach trocken gerichtet ist. Dieses Phänomen, das jedem Praktiker von der kapillaren Rückleitung (auch kapillare Entspannung genannt) bei winterlicher Tauwasserbildung in mineralische Baustoffen bekannt sein dürfte, muß auch in einem Berechnungsmodell entsprechend der vorangegangenen Analyse korrekt erfaßt werden. Das bedeutet, daß für Dampfdiffusion und Flüssigtransport unterschiedliche Triebkräfte angesetzt werden müssen. Besonders vorteilhaft erweist sich in diesem Zusammenhang die Wahl von Temperatur und relativer Feuchte als Transportpotentiale. Der Dampfdruck als treibende Kraft für die Diffusion ist durch beide Größen eindeutig bestimmt. Beide Potentiale sind über dem Bauteilquerschnitt stetig, d.h. es treten keine Sprünge an den Materialgrenzen auf, wie das beispielsweise beim Wassergehalt der Fall ist. Auch die im folgenden beschriebenen hygrothermischen Stoffkennwerte und die Randbedingungen lassen sich mit ihrer Hilfe auf einfache Weise definieren.
Die Ergebnisse einer rechnerischen Simulation sind immer nur so gut, wie die zugrunde gelegten Materialparameter. Nachdem der Mangel an zuverlässigen Stoffkennwerten lange Zeit die Akzeptanz moderner Rechenverfahren behindert hat, soll hier gezeigt werden, welche Parameter für die verschiedenen Fragestellungen wirklich notwendig sind. In der Regel sind für die instationäre Berechnung der Temperaturfelder folgende Stoffkennwerte erforderlich:
Falls der Einfluß der Materialfeuchte auf den Wärmedurchgangskoeffizient (U-Wert) quantifiziert werden soll, muß die Wärmeleitfähigkeit, wie in Bild 1 gezeigt, als Funktion des Wassergehalts eingegeben werden. Angaben dazu finden sich in [1] bzw. in der WUFI-Materialdatenbank. Liegt das Hauptaugenmerk auf dem Feuchteverhalten des Bauteils, dann reicht die Eingabe des Rechenwertes lambda_R, der den praktischen Feuchtegehalt des jeweiligen Baustoffes schon enthält. Das heißt, im Normalfall können alle notwendigen thermischen Stoffkennwerten der DIN 4108-4 oder den entsprechenden Baustoffzulassungen entnommen werden.
Die feuchtetechnischen Kennwerte, die für alle Baustoffe, also auch für nicht hygroskopische Materialien, vorhanden sein müssen, sind:
Die µ-Werte für eine große Anzahl von Baustoffen sind ebenfalls in der DIN 4108-4 enthalten. Die Porosität kann aus Rohdichte und Reindichte oder aus der maximalen Wassersättigung ermittelt werden. Sie spielt allerdings nur dann eine Rolle, wenn der Baustoff Wasser oder Wasserdampf in sein Porengefüge aufnehmen kann. Mit den bisher genannten Materialdaten ist jedoch lediglich eine Art instationäre Glaser-Berechnung möglich.
Soll das Verhalten von hygroskopischen, kapillaraktiven Baustoffen korrekt erfaßt werden, sind außerdem noch die bereits in Bild 3 gezeigten Feuchtespeicherfunktion und die in Bild 5 dargestellten feuchteabhängigen Flüssigtransportkoeffizienten erforderlich. Bei diesen Koeffizienten hat sich die im Bild gezeigte prozeßabhängige Differenzierung als vorteilhaft erwiesen. Das hängt damit zusammen, daß der Befeuchtungsvorgang von mineralischen Baustoffen in Kontakt mit Wasser deutlich schneller abläuft als die kapillare Weiterverteilung bzw. Trocknung nach Unterbrechung der Wasserzufuhr.
Diese zusätzlichen Parameter zur Beschreibung der hygroskopischen und kapillaren Eigenschaften sind
inzwischen für zahlreiche Baustoffe in einschlägigen Datenbanken (z.B. WUFI-Datenbank) vorhanden.
Die meßtechnische Bestimmung von Feuchtespeicherfunktion und
Flüssigtransportkoeffizienten ist etwas aufwendig
[6], so daß sie für den Praktiker im Normalfall nicht in Frage kommt. In vielen
Fällen können jedoch Näherungsverfahren eingesetzt werden.
Sind z.B. die kapillaraktiven
Materialschichten in einem Bauteil nicht in direktem Kontakt, oder wird diese Kontaktschicht nicht langfristig
naß, dann werden mit Hilfe der in WUFI [2] implementierten Approximationsmöglichkeit
für die Feuchtespeicherfunktion aus dem Bezugsfeuchtegehalt u80 (Gleichgewichtsfeuchte bei 80% r.F.)
gemäß DIN 52620 und der freien Wassersättigung uf ausreichend genaue Rechenergebnisse erzielt.
Ähnliches gilt für die ebenfalls in WUFI integrierte Approximation der Flüssigtransportkoeffizienten
(Bild 5) aus dem Wasseraufnahmekoeffizient (w-Wert) nach DIN 52617.
Für die meisten praktischen Anwendungen können also hygroskopische und kapillaraktive Baustoffe durch
folgende - über die Standardstoffkennwerte in DIN 4108-4 hinausgehende - Materialparameter ausreichend genau
spezifiziert werden:
Die freie Wassersättigung ist der Wassergehalt, der bei der w-Wert-Messung im Zustand der Durchfeuchtung bestimmt wird.
Da alle Materialeigenschaften von Baustoffen herstellungs- oder verarbeitungsbedingten Schwankungen unterworfen sind, ist es zweckmäßig, die Stoffkennwerte bei der Berechnung analog zu den Vorgaben in der DIN 4108-4 in bestimmten Grenzen zu variieren und den Einfluß dieser Variation auf die Rechenergebnisse zu dokumentieren. Stellt sich der Einfluß eines Materialparameters im betrachteten Anwendungsfall als gering heraus, dann erübrigt sich eine exakte Bestimmung von selbst. Hat der Einfluß des jeweiligen Kennwertes jedoch eine entscheidende Bedeutung für die Interpretation der Ergebnisse, sind Norm- oder Literaturdaten weniger geeignet. Hier sind genaue Messungen der entsprechenden Stoffeigenschaften vorzuziehen.
Jedes Bauteil steht über seine Oberflächen in hygrothermischer Wechselwirkung mit der Umgebung. Das
heißt, daß nicht nur die Umgebung auf das Bauteil einwirkt, sondern umgekehrt auch das Bauteil auf die
Umgebung, wie z.B. durch Abgabe von gespeicherter Wärme oder durch sorptive Pufferung von Raumluftfeuchte.
Diese Tatsache ist bei der Formulierung der Randbedingungen zu beachten.
Grundsätzlich sind drei Bereiche zu
unterscheiden: die äußeren Umgebungsbedingungen über sowie unter der Geländeoberkante und die
Innenraumverhältnisse. In allen drei Fällen sind, bedingt durch die jeweiligen Austauschprozesse mittels
Konvektion und Strahlung bzw. Leitung und Diffusion, unterschiedliche Oberflächenübergangsbedingungen
anzusetzen.
Die auf ein Bauteil einwirkenden Außenklimabedingungen sind die Lufttemperatur und -feuchte sowie die Strahlung und der Niederschlag. Die Strahlungs- und Niederschlagsbelastung ist abhängig von der Neigung und Orientierung des Bauteils und muß auf die vorliegenden Verhältnisse umgerechnet werden. Zur Ermittlung des Schlagregens sind zusätzlich Windgeschwindigkeit und Windrichtung sowie Kenntnisse der Gebäudeumströmungsverhältnisse erforderlich. Soll die langwellige Abstrahlung berücksichtigt werden, müssen auch Daten zur terrestrischen und atmosphärischen Gegenstrahlung vorliegen. Die täglichen Schwankungen der Witterungsverhältnisse, dargestellt am Beispiel der Lufttemperatur in Bild 6, erfordern in der Regel kurzfristige Betrachtungsintervalle. Für hygrothermische Simulationsrechnungen hat sich der Einsatz von Stundenmittelwerten als günstig erwiesen [7]. Dafür stehen beispielsweise die deutschen Test-Referenzjahre des Deutschen Wetterdienstes zur Verfügung, die durchschnittliche Klimabedingungen für 12 unterschiedliche Regionen der alten BRD beinhalten. Feuchteprobleme treten jedoch in der Regel nicht bei durchschnittlichen, sondern eher bei extremer Witterung auf, wobei je nach Anwendungsfall ein besonders kaltes (z.B. bei winterlichem Tauwasser) als auch ein besonders warmes Jahr (z.B. bei Sommerkondensation) die ungünstigste Belastung darstellen kann [8]. Deshalb wurden aus der langjährigen Wetterdatenerfassung in Holzkirchen zwei meteorologische Datensätze ausgewählt, die statistisch jeweils das kälteste bzw. das wärmste Jahr in zehn Jahren repräsentieren. Diese Datensätze werden als Hygrothermische Referenzjahre (HRY) bezeichnet und sind kostenlos im Internet erhältlich. |
Im Erdreich setzen sich die Temperaturschwankungen der Außenluft nur sehr gedämpft fort. Bild 6 zeigt den 1 m unter der Erdoberfläche gemessenen Temperaturverlauf für das Jahr 1999 im Vergleich zur Außenlufttemperatur. Die Dämpfung ist in dieser Tiefe bereits so groß, daß keine Tagesgänge mehr feststellbar sind. Außerdem findet eine mehrwöchige Phasenverschiebung zur Lufttemperatur statt, die sich vor allem im Frühjahr und im Herbst bemerkbar macht. Im gemessenen Verlauf sind die Niederschlagseinflüsse (Versickern von Regenwasser, Schneeschmelze, etc.) enthalten. Da die Messungen auf freiem Feld durchgeführt wurden, sind die Temperaturen niedriger als in der Nähe eines Wärme abgebenden Gebäudes. Die Feuchte im Erdreich beträgt in der Regel zwischen 99% und 100% r.F., wenn Vegetation existiert, da Pflanzen nur in diesem Feuchtebereich dem Boden Wasser entziehen können. Dies gilt auch für Substratschichten bei begrünten Dächern, allerdings treten dort andere Temperaturen auf.
Die in der DIN 4108-3 spezifizierten Raumklimabedingungen für die Tauperiode (20°C, 50% r.F.) und die
Verdunstungsperiode (12°C, 70% r.F.) haben sich zwar für die diffusionstechnische Beurteilung von
Bauteilen bewährt, sie stellen jedoch keine realistischen Randbedingungen für einen Jahresverlauf dar. |
Sowohl das Außenklima, mit Ausnahme der Situation im Erdreich, als auch das Raumklima wirken über
eine Grenzschicht auf die Bauteiloberfläche ein. Diese Grenzschicht stellt einen strömungsabhängigen
Widerstand für den Wärme- und Feuchtetransport dar, der durch entsprechende Übergangskoeffizienten
quantifiziert wird. In der Regel ist eine detaillierte Berücksichtigung der spezifischen Konvektionseinflüsse
am Bauteil nicht erforderlich, da die Übergangswiderstände im Vergleich zu den Widerständen
der einzelnen Materialschichten klein sind. Deshalb sind die in Tabelle 1 aufgelisteten Durchschnittswerte
für die äußeren und inneren Wärme- und Feuchteübergangskoeffizienten für die
meisten Anwendungsfälle ausreichend.
In den Wärmeübergangskoeffizienten ist ein Anteil enthalten, der
den langwelligen Strahlungsaustausch berücksichtigt. Dieser Ansatz ist jedoch nur gültig, solange der
konvektive und der strahlungsbedingte Wärmefluß gleichgerichtet sind. Bei der nächtlichen Unterkühlung
hochgedämmter Bauteile ist dies nicht mehr der Fall. Für Berechnungen der nächtlichen Betauung solcher
Bauteile ist deshalb eine Korrektur der Übergangskoeffizienten oder eine Kompensation durch Anpassung der
langwelligen Emissionszahl im Vergleich mit experimentellen Ergebnissen notwendig.
| Bauteiloberfläche: | |||
alpha [W/m²K] |
beta_p [kg/m²sPa] |
||
| außen | |||
| innen | |||
|
Tabelle 1: Mittlere Oberflächenübergangskoeffizienten zur Berechnung des Wärme- und Feuchteaustausches zwischen außen- bzw. raumseitigen Bauteiloberflächen und der Umgebung. |
Die Einwirkungen von Sonnenstrahlung und Niederschlag auf das Bauteil lassen sich am besten durch Wärme-
und Feuchtequellen beschreiben. Mit Hilfe einer von der Oberflächenfarbgebung abhängigen
Energieabsorptionszahl wird der Tatsache Rechnung getragen, daß nur ein Teil der auf das Bauteil
auftreffenden kurzwelligen Strahlung in Wärme umgewandelt wird. Diese Absorptionszahl beträgt ca. 0,4
für helle Oberflächen, wie z.B. weiße Außenputze und zwischen 0,6 und 0,8 für dunkle
Oberflächen, wie z.B. gestrichenes Holz, Klinker, Dachziegel und Bitumenbahnen.
Auch für die Einwirkung
von Schlagregen auf Fassaden ist die Einführung einer Absorptionszahl sinnvoll, da nur ein Teil des ankommenden
Regenwassers an der Oberfläche hängen bleibt. Der Rest spritzt beim Auftreffen auf die Fassade wieder weg
oder läuft durch die Schwerkraft ab. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, daß für die
Regenwasserabsorptionszahl von vertikalen Flächen in der Regel der Wert 0,7 angesetzt werden kann.
Auf nationaler und internationaler Ebene gibt es inzwischen mehrere hygrothermische Simulationsverfahren, die zuverlässige Ergebnisse liefern [10]. Die folgende Beschreibung beschränkt sich jedoch auf das Modell, das dem PC-Programm WUFI (Wärme- Und Feuchtetransport Instationär) [2] zugrunde liegt. In diesem Modell werden die zeitlich veränderlichen Wärme- und Feuchtetransportprozesse in Bauteilen mit Hilfe folgender gekoppelter Differentialgleichungen beschrieben:
Beide Gleichungen enthalten auf der linken Seite die Speicherterme. Die Wärmespeicherung setzt sich aus der
Wärmekapazität des trockenen Baustoffes und der des darin enthaltenen Wassers zusammen. Die Feuchtespeicherung
wird durch die Ableitung der bereits erwähnten Feuchtespeicherfunktion beschrieben.
Auf der rechten Seite der
Gleichungen stehen die Transportterme. Der Wärmetransport basiert auf der feuchteabhängigen Wärmeleitung
und dem Dampfenthalpiestrom. Dieser Dampfenthalpiestrom transportiert Wärme, indem Wasser an einer Stelle verdunstet
und dabei dieser Stelle Wärme entzieht, und anschließend an eine andere Stelle diffundiert, dort kondensiert
und dadurch Wärme zuführt. Diese Art des Wärmetransportes wird häufig als Latentwärmeeffekt
bezeichnet.
Der Feuchtetransport durch Oberflächendiffusion und Kapillarleitung infolge eines Gradienten der
relativen Feuchte zeigt nur eine vergleichsweise geringe Temperaturabhängigkeit. Die Dampfdiffusion wird
hingegen stark vom Temperaturfeld beeinflußt, da der Sättigungsdampfdruck exponentiell mit der Temperatur
ansteigt.
Die Diffentialgleichungen werden mit Hilfe eines impliziten Finite-Volumen-Verfahrens diskretisiert und entsprechend dem Ablaufschema in Bild 8 iterativ gelöst. Die Genauigkeit der numerischen Lösung hängt von der Maschenweite des Gitters, der Größe der Zeitschritte und der Wahl der Abbruchkriterien ab. In der Regel ist die numerische Lösung so genau, daß der Einfluß der numerischen Parameter gegenüber dem Einfluß der physikalischen Parameter, wie Material- und Klimadaten, vernachlässigt werden kann. Nach der Berechnung sollte eine Ergebniskontrolle durchgeführt werden, um Bedienungs- oder schwere Konvergenzfehler ausschließen zu können. Konvergenzprobleme werden von WUFI angezeigt und ihre Auswirkungen anhand eines Vergleichs der aufsummierten Feuchteströme und des akkumulierten Wassers im Bauteil ausgewertet. Falsche Eingaben oder unrealistische Materialdaten können nur durch Plausibilitätskontrollen eingegrenzt werden. |
Die rechnerische Simulation des instationären Wärme- und Feuchtetransports bietet auch für die Praxis zahlreiche Vorteile. So sind etwa die folgenden Einsatzbereiche und Aussagemöglichkeiten in Bezug auf das klimabedingte hygrothermische Bauteilverhalten zu nennen, die über die bisherigen Beurteilungsmöglichkeiten nach Glaser deutlich hinausgehen:
Die Ergebnisse für Feuchte und Temperatur im Bauteil sind in beliebiger Orts- und Zeitauflösung verfügbar. Sie können beispielsweise verwendet werden zur:
Die aufgezeigten Vorteile der hygrothermischen Simulation haben in den letzten Jahren zu einer starken Nachfrage nach rechnerischen Untersuchungen vor allem im Bereich der Altbausanierung geführt, da dort Standardlösungen häufig versagen. Bisher fehlen jedoch allgemeingültige Richtlinien für die Leistungsbeschreibung und Anwendung der neuen Verfahren. Deshalb wurde 1997 auf Initiative der WTA (Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege) eine WTA-Arbeitsgruppe gebildet, die die Erstellung solcher Richtlinien zur Aufgabe hat. Ein ähnliches Ziel verfolgt die im Jahr 2000 gegründete Task Group "Moisture Calculation" im Rahmen des europäischen Normungsausschusses TC89 (Thermal Performance of Buildings and Building Components). Damit werden sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene die Voraussetzungen für den geregelten Einsatz von hygrothermischen Simulationsverfahren im Bauwesen geschaffen.