Feuchteschutz wird in der Praxis häufig mit Tauwasserschutz verwechselt. Eine Glaser-Berechnung wird oft fälschlicherweise als Beweis für die Feuchtesicherheit von Baukonstruktionen angesehen. Die Folgen dieser Fehleinschätzung sind Gerichts- und Reparaturkosten in Milliardenhöhe allein in der Bundesrepublik Deutschland. Dabei sagt bereits die DIN 4108-3 in der Fassung vom Juli 2001 ganz deutlich, dass das Glaserverfahren z.B. zur Beurteilung von Gründächern oder Konstruktionen mit Rohbaufeuchte ungeeignet ist und verweist in diesem Zusammenhang auf hygrothermische Simulationsrechnungen. Die Anwendung der Simulationsverfahren konnte sich jedoch bislang nicht auf anerkannte Normen und Richtlinien stützen. Durch die neuen WTA-Merkblätter 6-1-01/D "Leitfaden für hygrothermische Simulationsberechnungen" und 6-2-01/D "Simulation wärme- und feuchtetechnischer Prozesse" wurde diese Lücke nun endlich geschlossen.
Neben einer realistischen Beurteilung der winterlichen Tauwassergefahr für alle Baukonstruktionen - das Glaserverfahren lässt bei massiven Bauteilen keine zuverlässigen Aussagen zu - erlaubt die hygrothermische Simulation auch die realistische Erfassung weiterer Feuchtelasten, wie z.B. Baufeuchte, Schlagregenbeanspruchung, Sommerkondensation oder aufsteigende Grundfeuchte. Durch die Berücksichtigung von instationären Dampfdiffusionsvorgängen, Kapillarleitungseffekten und Feuchtespeichereigenschaften der Baustoffe kann das Temperatur- und Feuchteverhalten von Bauteilen unter natürlichen Klimabedingungen mit hoher Genauigkeit berechnet werden. Voraussetzung ist allerdings eine kompetente Anwendung der Simulationsverfahren und einschlägige Erfahrung bei der Interpretation der Ergebnisse. Praxisbezogene Richtlinien können hier entscheidende Hilfestellungen bieten.
Die neuen Merkblätter sollen helfen, die praktische Vorgehensweise beim Einsatz von Rechenverfahren zur Simulation des gekoppelten Wärme- und Feuchtetransports in Bauteilen zu vereinheitlichen. Damit wird eine größere Akzeptanz von Feuchteschutzbeurteilung durch rechnerische Simulation geschaffen, was dem Praktiker eine höhere Sicherheit vor Bauschäden und Fehlurteilen bietet. Mit Hilfe des Leitfadens soll außerdem ein fachlich vorgebildeter Anwender in die Lage versetzt werden, zu beurteilen, ob es nach dem Stand der Technik möglich ist, im konkreten Anwendungsfall hygrothermische Bauteilsimulationen einzusetzen, welche Eingabeparameter er dafür braucht und welche Genauigkeit der Ergebnisse er erwarten darf.